Was hat die Besetzung eigentlich gebracht?

Published by cybso on
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Nach 15 Tagen ist die Besetzung (oder euphemistischer "Befreiung") des Hörsaals 01/E01-02 am Freitag morgen um 6 Uhr unter dem Eindruck massiver Polizeipräsenz vorläufig zuende gegangen. Vorangegangen waren abwechslungsreiche Tage und Nächte, in denen wir als Besetzer eine Solidarität durch die Studierenden empfingen, die uns selbst in Erstaunen versetzte - aber auch massive Ablehnung durch kleine, aber laute Gruppen. Wir lernten, dass auch die Professorenschaft nicht immer zusammenhält, es gab unterstützende Worte und Taten, aber auch Widerstand und Proteste. Wir machten die Erfahrung, dass man Proteste auch durch vorgegebene überschwängliche Unterstützung verpuffen lassen kann, aber auch, dass man dieser mit Durchhaltevermögen die Maske vom Gesicht reißen kann. Und wir organisierten die vielleicht größte Bildungs-Demonstration, die in jüngster Zeit durch Osnabrücks (Neben-)Straßen marschiert ist.

Ein für mich bis dahin unvorstellbares Maß an Unsolidarität durch Studierende der (scheinbar) von unserer Kritik unbetroffenden Studiengängen prallte gegen das Gemeinschaftsgefühl, dass unsere kunterbunt gemische Truppe vereinigte. Diesen Leuten gegenüber habe ich ein Vertrauen entwickelt, dass ich so nie zuvor gekannt habe. Wo sonst könnte man zum Beispiel sein Laptop stundenlang rumstehen lassen, beaufsichtigt nur durch Personen, von denen man vorher nur einen Bruchteil persönlich kannte?

Doch was haben wir eigentlich erreicht? Am Dienstag Abend kommentierte eine Kommilitonin im Chat, dass sie einen Bericht in der Tagesschau gesehen habe und unsere Proteste ja offensichtlich nichts bringen würde. Doch ein entscheidenes Detail übersah sie: das Thema war in der Tagesschau. Wir haben es durch einen internationalen Flächenbrand geschafft, die Missstände in der Bildung wieder in das öffentliche Bewusstsein zu rücken. Politiker aller Couleur äußerten ihr Verständnis und ihre Zustimmung für unsere Kritik. Bundesbildungsministerin Annette Schavan startete ein Strohfeuer mit der Ankündigung einer Bafög-Anhebung, die sie wieder aufschob als klar wurde, dass wir uns damit nicht zufrieden geben würden. Diese Politiker sind nun gefordert, den Dialog mit uns zu suchen, und ihren Worten auch Taten folgen zu lassen.

Die Formulierung eines gemeinsamen Positionspapiers und die Räumung des Hörsaals sind nicht das Ende unserer Arbeit, im Gegenteil. Die bundesweite Vernetzung geht gerade erst richtig los. Derzeit findet ein Treffen in München statt und weitere stehen vor der Tür. In Osnabrück haben wir Vorkehrungen getroffen, um nach der absehbaren Räumung nicht den Kontakt zueinander zu verlieren. Im Moment erholen wir uns von zwei anstrengenden Wochen und sammeln neue Kraft. Wir müssen nun einen neuen, geeigneten Raum für unsere Arbeit suchen, schließlich ist noch eine Menge zu tun. Wir sind erst am Anfang einer langen Roadmap. Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, ob die Politik die Proteste und Demonstrationen ernst nimmt. Ich würde es ihr empfehlen. Denn selbst, wenn irgendwann alle Hörsäle in Deutschland, Österreich und der Schweiz geräumt sind, nichts hindert die Studierenden daran, erneut die Initiative zu ergreifen.